LE MONDE N'EST PAS ROND

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Die Hoffnungsträger

Christina liebt Musik. Zu Hause hatte sie Klavierunterricht. Mit Hilfe von Popsongs hat sie gelernt, fließend Englisch zu sprechen. Sie hat sich die Texte eingeprägt und sie nachgesungen. Die Dreizehnjährige könnte sich vorstellen, einmal die Musik zum Beruf zu machen. Doch bis dahin ist es noch weit.

Dabei hat Christina schon eine lange Reise hinter sich. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Oscar hat sie Syrien im Sommer 2013 verlassen. Die Mutter lebte mit ihren beiden Kindern in Damaskus, während der Vater sich im Norden des vom Krieg zerrütteten Landes aufhielt. Dem Assad-Regime galt Mtaneos Khoury als Feind. Er war bereits als politischer Häftling im Gefängnis. 

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In der Hauptstadt zu bleiben, wäre für den gelernten Zahntechniker zu gefährlich gewesen. Doch auch von den syrischen Rebellen ging eine große Gefahr aus. Die Khourys gehören der christlichen Minderheit in Syrien an. „Wir hatten große Angst vor den islamischen Fundamentalisten“, sagt der Familienvater. „Sie drohten die Christen umzubringen.“

Als keine Aussicht auf ein Ende des Krieges bestand, beschloss Khoury, mit Frau und Kindern aus Syrien zu fliehen. „Wir hatten keine andere Wahl“, sagt die Mutter. Mit Hilfe von Schleppern gelangte die Familie zuerst in die Türkei. Von dort aus kamen Christina, Oscar und ihre Eltern nach einer Woche Fahrt in einem Lastwagen, zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen, nach Luxemburg. „Wie genau, weiß ich nicht mehr“, sagt Christina. „Wir durften den Lastwagen immer nur kurz verlassen.“

Sie erzählt, wie man ihnen einen Zettel in die Hand drückte, auf dem die Adresse des „Don Bosco“ stand. Das Mädchen erinnert sich, wie seine Familie zusammen mit anderen Asylbewerbern einquartiert wurde. Das Foyer im hauptstädtischen Limpertsberg ist die erste Unterkunft für die meisten Asylbewerber, die ins Großherzogtum kommen. Dort leben ganze Familien in einem Zimmer mit wenigen Quadratmetern.

Nach kurzer Zeit wurde die Familie in nach Marienthal gebracht. Das Flüchtlingsheim befindet sich mitten im Wald. Mehr als hundert  Personen wohnen in dem Zweckbau. Christina und Oscar sind die einzigen arabischen Kinder, die anderen stammen aus Serbien, Montenegro und dem Kosovo. Oscar geht zusammen mit ihnen in Tüntingen zur Schule, denn auch für Flüchtlingskinder besteht Schulpflicht. Der Zehnjährige ist in der vierten Klasse. Seine Mutter sagt, er habe Heimweh. Und seine Schwester, die das Lycée technique du Centre in der Hauptstadt besucht: „Ich verbringe so viel Zeit wie möglich in der Stadt. Der letzte Bus nach Marienthal fährt um 19 Uhr.“ 

Vom Geld anderer zu leben und gebrauchte Kleider zu tragen, ist ihr ebenso unangenehm wie ihrem Bruder. Zurück in ihr Herkunftsland will sie aber nicht. „Ich will gut in der Schule sein und hier eine Arbeit finden“, sagt Christina. In den wenigen Monaten in Luxemburg hat sie schnell Französisch gelernt. Doch die junge Syrerin ist misstrauisch. Die Asylprozedur dauert nun schon mehrere Monate. Die Ungewissheit belastet Christina. Ihr fällt es schwer, sich auf die Schule zu konzentrieren. In ihrer Heimat gehörte sie stets zu den Besten der Klasse.

Die Dossiers der minderjährigen Asylbewerber, die mit ihren Eltern nach Luxemburg kommen, werden in der zuständigen Dienststelle des Immigrationsministeriums zusammen mit denen der erwachsenen Familienmitglieder bearbeitet. Für Flüchtlinge unter 18 Jahren, die allein nach Luxemburg kommen, übernehmen Organisationen wie Caritas oder das Rote Kreuz die Vormundschaft. Sie kümmern sich auch um die juristische Begleitung der Kinder und Jugendlichen.

Aryan kam ohne seine Eltern nach Luxemburg. Der Afghane ist fast 18. Seit zwei Jahren ist er in Luxemburg. Wenn sich Zweifel an der Minderjährigkeit des Asylbewerbers ergeben, kann eine medizinische Untersuchung angeordnet werden, um das Alter der betroffenen Person zu bestimmen. „Dabei wird eine Radiographie des Handgelenks durchgeführt“, erklärt Serge Thill, Leiter des Flüchtlingsdienstes im Ministerium. „Aus den Resultaten des Knochentests geht hervor, ob der Antragsteller jünger als 18 Jahre ist.“ 

Nachdem Aryan zu einem Gespräch beim Service Réfugiés vorstellig war, wartet er noch auf eine Antwort. Seine Flucht aus Afghanistan führte ihn durch acht Länder. „Manchmal war ich allein unterwegs, eine Zeit lang zusammen mit anderen Flüchtlingen“, sagt Aryan, „ich habe Leute sterben sehen.“ Der junge Afghane telefoniert manchmal mit seiner Familie. Aryan weiß, dass er das Richtige getan hat.

Samia hingegen hat Zweifel. Wenn das 17-jährige Mädchen aus Somalia, das in einem Foyer in Eich wohnt und nicht möchte, dass ihr richtiger Name genannt wird, in ihr Land zurückkehren könnte, würde sie es tun. Doch Somalia gehört wie Afghanistan zu den „failed states“. „Es herrscht Krieg in Somalia, überall wird gekämpft“, sagt sie, „aber vermisse ich meine Familie.“ Das Mädchen ist seit ein paar Monaten in Luxemburg. Samia kam per Boot und danach per Flugzeug nach Luxemburg. Über ihre Flucht möchte sie nicht sprechen. Sie versucht, ihre Tränen zu unterdrücken. Vergeblich. Viele Flüchtlingskinder sind traumatisiert – vom Krieg, von der Flucht.

Das Zimmer in dem Eicher Foyer teilt sie sich mit drei anderen jungen Afrikanerinnen. Sie hat sich mit der 16-jährigen Nala aus Tansania angefreundet. Auch diese möchte nicht, dass man ihren richtigen Namen veröffentlicht. Nala lebte in ihrem Heimatland bei ihrer Tante, für die sie die Hausarbeit erledigen musste. Die Tante schlug sie. Die Schule besuchte sie nicht – nur die Koranschule. Als sie einen älteren Mann heiraten sollte, lief sie weg. Die Flucht vor der Zwangsheirat und der Beschneidung habe ein Lehrer aus der Koranschule organisiert, erzählt das Mädchen aus Tansania.

mendenazerIhr Schicksal erinnert an das von Mende Nazer. Die Sudanesin wurde als Zwölfjährige verschleppt. „Ich lebte mit meiner Familie in den nubischen Bergen und wurde bei einem Überfall von einer Miliz entführt“, erzählt sie. „Danach wurde ich an einen Sklavenhändler verkauft. Fast acht Jahre lang lebte ich im Haus einer reichen Familie und wurde wie eine Sklavin behandelt. Schließlich brachte man mich im Jahr 2000 nach London, wo ich in einer Diplomatenfamilie arbeitete – wieder als Sklavin.“

Nach drei Monaten gelang Mende Nazer die Flucht. Sie beantragte Asyl in Großbritannien. Doch ihr Antrag wurde zuerst abgelehnt. „Sklaverei gilt nicht als Asylgrund und reicht nicht aus, um als Flüchtling anerkannt zu werden. Dabei ist es genauso wie Kinderhandel das Schicksal unzähliger Kinder“, erklärt Mende Nazer. „Kinder sind die ersten Opfer von Armut und Krieg überall auf der Welt.“ Erst nachdem ihr Schicksal an die Öffentlichkeit gelangte, erhielt sie ein Aufenthaltsrecht.

Samia und Nala verbringen die meiste Zeit zusammen. Sie gehen zur Schule. Die Asylbehörde lässt sie warten. Das Warten zermürbt. Die Asylbewerber haben fast kein Geld. Der Staat gibt jedem Asylbewerber 25 Euro pro Monat. Bis vor zwei Jahren waren es fast hundert Euro mehr. Zwar dürfen Asylbewerber nach einigen Monaten arbeiten. Aber Jobs sind rar. So bleibt den meisten nichts anderes übrig, als von dem Taschengeld zu leben.

So auch Xhejlan. Die 25-Jährige stammt aus dem Kosovo, lebte in Serbien und hat mit ihren fünf Kindern in drei Jahren bereits eine kleine Odyssee durch die luxemburgischen Asylbewerberheime hinter sich: Vom Foyer Don Bosco ging es ins Foyer Saint Antoine, dann nach Marienthal und von dort nach Weilerbach, dem größten Foyer des Landes.

„Im Saint Antoine gab es viele Aktivitäten“, sagt Xhejlan. In dem von der Caritas geführten Heim sind viele Frauen und Kinder untergebracht. „Wen man etwas tut, denkt man nicht so viel nach“, sagt die Alleinerziehende. Sie hat Depressionen bekommen. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Xhejlan weiß nicht mehr weiter. Das jüngste ihrer Kinder ist vor zwei Jahren in Luxemburg zur Welt gekommen, der älteste Sohn ist zehn. Die sechsjährige Selma besucht die erste Klasse. Während die Flüchtlingskinder im Primärschulalter in den anderen Gemeinden den Unterricht in den jeweiligen Schulen besuchen, werden sie in Weilerbach in der Einrichtung selbst unterrichtet. Eine Ghettoisierung, sagen die Kritiker. Für Selma und ihre Geschwister bedeutet es, dass sie keinen Kontakt zu luxemburgischen Kindern haben.

Weilerbach ist Selmas Zuhause. Wie lange, weiß niemand. Die Zahl der Asylbewerber ist von 2012 auf 2013 von 2.057 auf 1.071 zurückgegangen. In den Jahren zuvor war sie sprunghaft angestiegen, nachdem im Dezember 2009 die Visumspflicht für Menschen aus Serbien, Mazedonien und Montenegro und im Jahr darauf auch für Bosnier und Albaner für den Schengen-Raum für einen Aufenthalt bis zu 90 Tagen aufgehoben worden war. Der Großteil der Asylbewerber kommt nach wie vor aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien.

Eine lange Bearbeitungszeit, negative Bescheide, danach der legitime Einspruch und eine anschließende vorübergehende „Toleranz“, eine Art Duldung, können das Verfahren in die Länge ziehen. Die Angst vor der Abschiebung ist ein ständiger Begleiter der Menschen, deren Antrag abgelehnt wurde. Der 23-jährige Alden kennt diese Angst. Er ist schon mal abgeschoben worden. Der Montenegriner ist in Hamburg aufgewachsen, seine 20-jährige Schwester Aida ist dort geboren. Die Familie war während des Kosovo-Krieges geflohen, nach zehn Jahren wurde die Familie zurück nach Montenegro abgeschoben.

„Montenegro war für uns ein fremdes Land“, sagt Alden. „Wir waren dort nicht zu Hause. Wir konnten nicht einmal richtig die Sprache.“ Aida und er machten in Podgorica, der Hauptstadt der früheren jugoslawischen Teilrepublik, ihren Schulabschluss. Eine feste Arbeitsstelle fanden sie nicht. Eine Zukunft in Montenegro sahen beide nicht. Vor allem aber sei sie diskriminiert worden, sagt Aida. „Ich bin lesbisch. Dafür hat man mich gehasst.“ 

aidenAls Alden und Aida zusammen mit ihrer Mutter erneut aufbrachen und den Bus  ins Großherzogtum nahmen, blieb der Vater in Montenegro. Die Aussichten der Familie auf ein Bleiberecht sind schlecht. „Wir bekamen schon zwei Negativbescheide“, sagt Aida. Obwohl die EU-Staaten sich darauf einigten, die Verfahren zu verkürzen, dauern diese immer noch lange. „Manche warten sieben Jahre“, sagt Yves Schmidt von Caritas Solidarité & Intégration. „Die jungen Asylbewerber sind wie Pflanzen, die Wurzeln bilden und dann wieder in ein anderes Land verpflanzt werden.“

Die Wohnsituation entspreche „minimalistischen Kriterien“, sagt Schmidt. Manchmal wohnen Personen aus unterschiedlichen Kulturen in einem Zimmer. Das kann Ärger verursachen. In einem Foyer wie Weilerbach, dem größten Heim für Asylbewerber hierzulande, leben Serben mit Albanern oder Roma unter einem Dach – Zündstoff für Konflikte. In diesem Frühjahr sollen 60 syrische Flüchtlinge einquartiert werden.

Die Kinder in Weilerbach bekommen regelmäßig Besuch von Gaby Wampach und einer Kollegin. Die Erzieherin betreut die Kinder mehrerer Foyers. Für die Kleinen ist die Spielgruppe eine willkommene Abwechslung. „Die Möglichkeiten zu spielen sind reduziert“, weiß Wampach. Zusammen mit ihrer Kollegin versucht sie Abwechslung in das eintönige Foyer-Leben zu bringen – in den Ferien mit Ausflügen an die Mosel oder zum Klettern. Von den mehr als 50 Kindern in Marienthal sind 20 unter drei Jahre alt.

Flüchtlingskinder seien „die absoluten Underdogs“, sagt René Schlechter vom Ombudskomitee für Kinderrechte. „Manche verlieren den Mut und verfallen in Depressionen.“ Die Familien sind gezwungen, in den Tag hinein zu leben. „Doch Kinder brauchen Stabilität und klare Perspektiven“, weiß Schlechter. „Es wäre schon ein kleiner Fortschritt, wenn Kinder oder Jugendliche, deren Familie abgewiesen ist, die Gewissheit hätten, dass sie wenigstens ihr Schuljahr zu Enden machen können. Werden sie nach Jahren abgeschoben, ist es für sie extrem schwierig, im Herkunftsland wieder Fuß zu fassen.“

Manche der Kinder sind in Luxemburg geboren, so wie die kleine Tisha. Sie ist anderthalb. Tisha hat zwei Schwestern, sieben und acht Jahre alt, die fließend Luxemburgisch sprechen. Die Mädchen leben mit ihren Eltern, beide aus Togo, in einem Flüchtlingsheim in Differdingen. Die Familie erhielt vor kurzem eine negative Antwort von der Asylbehörde. Vor kurzem wurden die drei Kinder in der Kirche getauft. Luxemburg ist ihre Heimat. Doch es ist auch ein Land, das sich weigert, ihr Heimatland zu sein.


Stefan Kunzmann, geboren 1967 in Pforzheim/Deutschland, arbeitete als Journalist in Deutschland und berichtete als Korrespondent aus Brasilien sowie anderen südamerikanischen Ländern. Seit 2002 lebt er in Luxemburg. Eines seiner Spezialgebiete ist die Migration.

Ute Metzger arbeitet als Fotografin für das luxemburgische Wochenmagazin Revue. Zuvor war sie unter anderem für Reuters und den Springer-Verlag tätig. Sie lebt seit rund 20 Jahren im Großherzogtum.

 

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This entry was posted on 02/11/2014 by in essay, journalism, photography, testimonies and tagged , , , , , .
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