LE MONDE N'EST PAS ROND

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Gedanken aus dem Niemandsland

Heimatlosigkeit Nichtgewollter. Im Europa der Demokratien und der Prosperität, im Vorbildkontinent. Rudolf Söllner’s Gedanken aus dem Niemandsland. Fotos: Carole Reckinger.

ROSARNO. Sonne mildert alles Elend, wirft fröhlich Schatten der alternden Rohbauten auf die löchrigen Straßen, die betonrissigen Gehsteige, die staubigen Werkstatttüren, die durcheinander schräggestellten Autos und Lieferwägen davor, die grimmigen und die ungrimmigen Gesichter, die Fahrräder mit den Schwarzen drauf. Die werfen keine Schatten, sie sind da und bleiben da, mit Mützen, wohlgekleidet, verblüffend unverhuscht.

Rosarno. Vor der Zeltsiedlung Fahrradteile: Rahmen, Felgen, Kettenritzel, Sattelpolsterungen, Lenker, alles quer durcheinander vom Gehsteig auf die Straße. Wozu ein Gehsteig hier? Fragt man sich, zwei Stunden nachdem man hier mit den Fremdarbeitern herumgesessen ist. Hier wird nie jemand spazieren gehen, hier wird nie jemand ohne Auto vorbeikommen, außer den Schwarzen, die zehn Jahre nach Erstellung dieser Gehwege den weiten Weg vom Amt oder vom Kopierladen in der Stadt zu Fuß laufen müssen, und für die hat sicher niemand diese Gehwege gebaut. Die Schwarzen werden von einer Brache zur anderen geschoben mit ihren Zelten vom ministerio dell’interno, die sie zu sechst, acht, zehnt bewohnen und denen der Strom abgestellt ist, also schwarze Finsternis über sechshundert schwarzen Menschen in Zelten auf ausgewiesenen Gewerbeflächen.

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Das Zeltlager ist nicht abgezäunt: begrenzt auf einer Seite von einer Straße mit Gehweg, die an unbewirtschaftetem Land entlangläuft, auf der zweiten vom Zaun eines pleitegegangenen Industriebaus, drittens von einer Straße mit noch nicht pleitegegangenem Industrieareal, viertens fließender Übergang in Sträuchergewirr, das am Bahndamm endet, wo eines der Hundekinder der Hündin Jonathan unter die Räder gekommen ist. Jonathan die Hündin ist noch immer da, hinkt auf dem Kies herum, den man als Untergrund für das Lager aufgeschüttet hat, sie hat ein Auto erwischt, bellt nicht, kennt alle und alle sie.

Bitter oranges (1 of 1) JonathanEs ist desolat. Das sagen die Schwarzen, mit der Gelassenheit lange andauernder Verzweiflung, mit der Gelassenheit der Würde und der Desillusionierung. Die Desillusionierung wird genährt von 25 Euros am Tag für neun oder zehn Stunden Arbeit am Tag, aber nicht jeden Tag, über die Hälfte der Tage gibt es derzeit trotz Erntesaison keine Arbeit. Der Weg zum Aufsammelpunkt illegaler, unterbezahlter Arbeitskräfte mitten in der Stadt, vor einem verfallenden Rinascimentogebäude ist lang. Mindestens eine Stunde muss man zu Fuß gehen zum Stadtzentrum, wer ein Fahrrad hat, ist im Vorteil, daher die Fahrradwerkstatt am Lagereingang.

Im Lager sind jetzt drei Frauen, Orangen pflücken die nicht, eine will mal in Modena geputzt haben, egal, jetzt ist sie hier, sitzt vormittags ziemlich entspannt in der Sonne und ihre zwei Kinder sind zurück in Ghana und ihr Mann hat sie, wenn ich die Umschreibung, die aus Ungesagtem besteht, richtig verstanden habe, verlassen oder sie ihn, vielleicht hat man sich auch einfach aus den Augen verloren bei diesen vielen Sklavenreisen zwischen Norditalien (Haushalt, Prostitution), Foggia (Tomaten) und Rosarno (Orangen).

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Rachel mit dem abgebrochenen Schneidezahn in der oberen Mundleiste ist jetzt vierunddreißig. Mit den anderen zwei Frauen im Camp grüßt man sich, nicht mehr, die Männer behandeln sie …, je mehr man miteinander redet, desto schwieriger wird die Gesamtwertung, die Gratwanderung der Adjektive und Adverbien: was ist schon ‚gut‘ (wo, wie, wann und noch wie lange in Wo-wie-wann?).

Rachel, die zehn Jahre in Ghana den Haushalt eines Schweizer Entwicklungshelferpaares besorgt hat und schon zu Besuch in der Schweiz war. Sie hat vor vier Jahren Adresse und Telefonnummer ihrer Ex-Arbeitgeber in Ghana vergessen und sitzt jetzt draußen bei gutem Wetter in einem Plastikstuhl an der Ecke ihres Zeltes. Gott macht es so, meint Rachel, und er wird es anders machen, wenn es Zeit dafür ist, es ist ein Gott des Wartens, nicht der ungeduldige Gott des Fortschritts und der Verbesserung, den wir uns (oder der uns und das Streben nach mehr-mehr ihn) erschaffen haben, der ist hier nicht ergiebig und triebe einen nur wie so manchen heimlich auf die Bahngleise.

Der Gott des Wartens ist der Lagergott, den die einem von den Menschen aufgezwungene Aussichtslosigkeit erschaffen hat. Er ist der einzige Gott, der einem ab und zu diese zu enge Mütze abnehmen kann, also lassen wir ihn gewähren, statt klug daherzureden vom Zielesetzen und Dranbleiben (an was denn?), das braucht hier keiner, der schon drei bis acht Jahre im Zelt lebt oder im Hüttenverschlag und Dokumente sammelt, die ihm Flüchtlingsstatus bestätigen, ohne dass er Flüchtlingsstatus bekommt (EU: Wohnraum, Strom, Wasser, Nahrung, Taschengeld). Wir haben an der Wahrheit zu schlucken, dass man den Leuten keine Hoffnung machen kann, weil man keine Macht hat.

Die Bewohner der Zeltstadt wissen, dass sich nichts ändert und haben nicht viel Interesse daran das Objekt für Besichtigungs- Interview- und Wichtigmachertouren herzugeben, tolerieren das aber meist. Es könnte ja doch helfen, erzählen wir ihnen, wird aber lang dauern. Fotografien und Tonbandaufnahmen ausgenommen. Da reicht es ihnen dann. Sie wurden schon von italienischen Journalisten einschmeichelnd bespitzelt und waren dann Futter für Sensationsartikel, mit Bild und Namensnennung, Wege zum Ruhm, nur andersrum.

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Naja, man kann auch übertreiben. Hier nicht. Die Situation ist hoffnungslos. Heimatlosigkeit Nichtgewollter. Im Europa der Demokratien und der Prosperität, im Vorbildkontinent. Das ganze Versagen der Gier-Politik und Gier-Wirtschaft frisst sich in den Kontinent hinein wie ein aggressiver Schimmelpilz, hier taucht es plastisch in Form von Zeltlagern und illegalen Müllhalden wie ein koloriertes Relief auf. Selbstgefälligkeit, Wirklichkeitsverlust im Dauerkonsum versuchen ihm auf der anderen Seite die Waage zu halten. Kein Aufstand von oben, sondern Kindheit am Android und Förderprogramme.

Wirklichkeitsverlust unten sieht anders aus, Benjamin – so heißt er nicht, aber nicht, weil er anonym bleiben soll, sondern weil er sich an seinen Namen nicht mehr erinnern kann, weil sich die Gedanken immer in seinem Kopf drehen, wie er sagt, und er sie nicht mehr stoppen kann. Seine Gesten sind zappelig, abrupt, linkisch eher, man sieht von der Ferne, dass es ihn regiert und nicht er es, er spricht laut, die Stirne runzelt sich in einem fort, die Augen sprühen Feuer und die weiße Hose ist vorne leicht verfärbt. Er kommt gerade zurück aus dem Nachbardorf San Ferdinando, wo er und Frederic, der ghanaische Ex-Tennis-Champion, gerade für 3 Stunden in einem Privathaushalt geputzt haben.

Fürs Putzen gibt’s 3, mal auch 5 Euro die Stunde, 5 sind versprochen, aber das mit den Vereinbarungen, haben die Afrikaner gelernt, nimmt man in Europa nicht so genau. Anmarsch zum Arbeitsplatz 2 Stunden. Benjamin erzählt er hat eine achtzigjährige Mutter, mit er gerne wieder einmal telefonieren würde, fragen wie’s geht, ihr erzählen, dass alles o.k. ist. Später wird er erzählen, dass er sie fünf Jahre nicht gesprochen hat.

Die meisten wollen nicht zurück nach Afrika. Auch jetzt nicht. Viele sind alleine. Familie hat hier keiner dabei. Um die Familie besser zu ernähren sind sie ja hergekommen. Wer zurück will, kann nicht zurück. Kein Geld. Und auch nicht woandershin: fingerprints im Landungsland (Verordnung (EG) Nr. 343/2003 (Dublin II).

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Wir fahren von einer desolaten Brache zur nächsten, einem dreiecksförmigen Eukalyptuswaldstück zwischen einem Kreisverkehr ohne Verkehr, einer Schlaglochabkürzung, auf der nachts Prostituierte stehen (Osteuropäerinnen, Parallelwelt ohne Berührung zur der der schwarzen Flüchtlinge, frequentiert von den Einheimischen, höchstens 20€), und einer höher gelegenen Umgehungsstraße. Vielleicht halbe Fußballfeldgröße hat das Waldstück, in dem sich aktuell sechs, letztes Jahr fünfzehn Schwarze niedergelassen haben in kleinen, aus Ästen, Karton- und Plastikplanenresten gefertigten Schlafhöhlen, weil es hier ruhiger ist. Geduldet vom Staat, ignoriert von den im Auto vorbeiholpernden Orangenkleinbauern und nach billigem Sex suchenden einheimischen Männern.

M. (Ägypter, 5 Jahre Italien), I. (Niger, 3 Jahre Italien), A. (Marokko, 8 Jahre Italien) und G. (Tschad, 5 Jahre Italien, 6 Monate Österreich), Y. (Togo, 10 Jahre Italien, ein Veteran) die im Waldstück leben, essen Orangen, verständigen sich untereinander auf Arabisch, mit uns in Englisch, Französisch und Italienisch. Wir sitzen herum, keinem fällt viel zu sagen ein, irgendwann gehen wir. Mohammed verabschiedet sich mit einem Händedruck von mir, sein Gesicht und seine Augen zeigen nach links unten.

Die Afrikaner haben eine schöne Abschiedsgeste: beim Abschied drückt man sich leicht die Hand, so dass die Innenflächen aneinander streifen und dann hält man sie an das eigene Herz.

WÜRDE. Wenn mich etwas bewogen hat, diesen Text hier zu schreiben, dann ist es die Würde der Menschen, denen ich begegnet bin. Nicht die Würde, die sie verlieren, sondern die Würde, die sie trotzdem haben.


Text: Rudolf Söllner, Bildhauer aus München begleitete Carole Reckinger auf ihrer letzten Reise nach Rosarno. Die Fotografin und Politikwissenschaftlerin arbeitet dort seit 2012 gemeinsam mit den EthnologInnen Gilles Reckinger und Diana Reiners an einem Fotografie- und Forschungsprojekt Bitter Oranges (www.bitter-oranges.com).

Fotos: Carole Reckinger. Mehr Fotos von der letzten Reise nach Rosarno finden sie hier.

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